Der Preis des Schweigens

Mich beschäftigt gerade eine Frage, die mich mehr Energie kostet, als mir lieb ist: Was ist eigentlich gesünder für meine eigene mentale Balance? Meine Meinung zu vertreten oder den Konflikt mit Menschen zu vermeiden, deren oberstes Ziel Friede, Freude, Eierkuchen ist? Ich weiß nur, ersteres kann verdammt anstrengend sein. Ich hinterfrage mich, suche nach dem eigenen Anteil und überlege, ob ich vielleicht zu weit gegangen bin. Und trotzdem finde ich nicht immer eine Antwort.

 

Wer Konflikte vermeiden möchte, verfolgt ohne Zweifel meist ein ehrenwertes Ziel: Harmonie. Ob im Büro, in der Partnerschaft, unter Geschwistern oder im Freundeskreis – die meisten Mitmenschen mögen keine Spannungen. Der Wunsch nach Harmonie ist also nichts Schlechtes, im Gegenteil, dahinter stecken wichtige soziale Kompetenzen wie Empathie und Kompromissfähigkeit. Schlichten statt zu eskalieren ist eine Stärke!

 

Was aber, wenn das Artikulieren der eigenen (abweichenden) Meinung zu Verstimmung, Trotz und Funkstille führt? Dann wird geschwiegen, nachgegeben oder das unangenehme Thema auf später verschoben, oft auf sehr viel später. Man lacht lieber und fragt nach Urlaubsplänen oder nach dem Wetter.

 

Im Berufsleben begegnet uns das regelmäßig:

Es gibt Teams, in denen scheinbar alles wunderbar läuft. Niemand widerspricht, niemand beschwert sich. in Meetings wird freundlich genickt, Entscheidungen werden nicht infrage gestellt. Nach außen wirkt alles ruhig und geordnet. Alle lächeln und gehen ihrer Wege. Auf den ersten Blick könnte man meinen: das ist gelebte Harmonie. Doch manchmal ist genau das Gegenteil der Fall.

 

 

Harmonie bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gibt. Harmonie bedeutet, dass Menschen auch mit unterschiedlichen Meinungen respektvoll miteinander umgehen können. Wo Menschen zusammenarbeiten, entstehen zwangsläufig verschiedene Sichtweisen, Interessen oder auch Bedürfnisse, das ist normal und auch notwendig. Ein Team, in dem alle immer derselben Meinung sind, ist etwa so innovativ wie ein Navi, das nur eine Route kennt.

 

Niemand möchte der Spielverderber sein, keiner möchte verletzen oder selbst Kritik einstecken müssen. Also wird geschwiegen, heruntergeschluckt und Erwartungen bleiben unausgesprochen, der Ärger wird vertagt.

 

Als Führungskraft kann man leicht in die Falle tappen, das Ausbleiben von Konflikten als Erfolg zu betrachten. Es gibt keine Beschwerden, keine hitzigen Diskussionen und keine eskalierenden Gespräche. Doch die wichtige Frage lautet: Werden unterschiedliche Meinungen tatsächlich ausgesprochen? Wenn Mitarbeitende Bedenken für sich behalten, Kritik nur hinter vorgehaltener Hand äußern oder schwierige Themen meiden, entsteht keine Harmonie. Es entsteht Anpassung und die hat einen hohen Preis: Entscheidungen werden schlechter, Fehler bleiben länger unentdeckt und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sinkt.

 

Ein Team, das offen diskutieren darf, wirkt von außen weniger harmonisch. Da wird nachgefragt, widersprochen und gelegentlich gerungen. Doch genau darin liegt die Stärke. Die Beteiligten vertrauen darauf, dass eine andere Meinung nicht automatisch eine persönliche Ablehnung bedeutet. 

 

Im Privaten läuft es ähnlich. Die Schwester überschreitet Grenzen, die Freundin sagt einen Termin nach dem anderen ab. Man ärgert sich schon irgendwie, sagt aber nichts. Schließlich möchte man keinen Streit provozieren, es ist ja nicht so schlimm. Also sammelt sich der Ärger still und leise an, wie Geschirr in einer Spüle, von dem man hofft, dass es sich irgendwann von selbst erledigt. Und das tut es bekanntlich nicht, leider!

 

Der Preis für vermiedene Konflikte ist hoch. Was nicht ausgesprochen wird, verschwindet nicht. Es ändert nur seinen Aufenthaltsort, es wandert lediglich ins Innere. Und dort wird daraus emotionale Distanz.

 

Nicht weil ein Konflikt stattgefunden hat, sondern weil keiner stattgefunden hat.

 

Dabei ist ein Konflikt zunächst nichts anderes als ein Unterschied. Unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen, Meinungen oder Prioritäten. Das gehört zum Menschsein dazu. Wer Nähe zu anderen Menschen haben möchte, wird Konflikten nicht aus dem Weg gehen können. Im Gegenteil: Oft sind Konflikte der Preis für echte Beziehungen.

 

Das gilt auch für Führung. Ein Team ohne Meinungsverschiedenheiten ist nicht automatisch ein gesundes Team. Genauso wenig ist eine Beziehung ohne Streit automatisch eine glückliche Beziehung. Entscheidend ist nicht, ob Konflikte entstehen, sondern wie man mit ihnen umgeht.

 

Menschen, die ihre Konflikte konstruktiv austragen können, haben häufig etwas Wichtiges verstanden: Ein Widerspruch ist kein Angriff, eine andere Meinung ist keine Ablehnung und ein schwieriges Gespräch ist nicht das Ende einer Beziehung, sondern oft der Beginn von mehr Klarheit.  Vielleicht ist das ein hilfreicher Gedanke für Führungskräfte: Das Ziel sollte nicht sein, Konflikte zu verhindern. Das Ziel sollte sein, einen Rahmen zu schaffen, in dem Konflikte konstruktiv ausgetragen werden können.

 

Deshalb ist der Harmoniebegriff für mich irreführend: Harmonie bedeutet nicht, dass es keine Konflikte geben darf. Harmonie bedeutet, dass Menschen genug Vertrauen entwickelt haben, Konflikte anzusprechen, ohne Angst haben zu müssen, dass gleich die Beziehung auf dem Spiel steht. Echte Harmonie ohne Zuckerguss ist robust, sie hält auch ein unbequemes Gespräch aus. Manchmal entsteht die größte Nähe nicht dadurch, dass wir Streit vermeiden, sondern dadurch, dass wir den Mut haben, ein Thema endlich anzusprechen. Mit Respekt, Offenheit und mit dem Vertrauen, dass eine gute Beziehung mehr aushält als ein paar unterschiedliche Meinungen.

 

Vielleicht ist das auch die Antwort auf die Frage, die mich zu Beginn dieses Beitrags beschäftigt hat. Die eigene Meinung zu vertreten ist manchmal anstrengend, Konflikte auszuhalten auch. Aber auf Dauer scheint mir der Preis des Schweigens oft viel höher zu sein als der Preis eines respektvoll geführten Konflikts.

 

 

Wenn dich das Thema betrifft, kannst du daran arbeiten, es in einem Coaching vertiefen und herausfinden, welche Art von Klarheit für dich stimmig ist. Ich unterstütze dich gerne dabei!

 

 

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